Psychische Gesundheit & Flucht
Warum es uns braucht
Versorgungslage
Wird Psychotherapie für traumatisierte Geflüchtete nicht vom Staat bezahlt?
Die Realität ist komplex. Zunächst gibt es ohnehin sehr wenige wenig Psychotherapeut*innen, die mit Sprachmittlungen oder auf Englisch therapieren. Darüber hinaus sind Asylsuchende in den ersten 36 Monaten ihres Aufenthalts nicht krankenversichert und müssen medizinische Behandlungen über das Sozialamt nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beantragen. Demnach erhalten sie grundsätzlich nur bei akuten Krankheiten oder Schmerzen medizinische Hilfe. Bei Psychotherapie bedeutet das umfangreiche und schwer zu erstellende Anträge, monatelange Bearbeitungszeiten und ungewisse Genehmigungen – auch für Sprachmittlungen. Viele Betroffene bleiben in dieser Zeit ohne angemessene Hilfe.
Auch wenn geflüchtete Menschen Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung haben, stoßen sie im deutschen Gesundheitssystem auf zahlreiche Hürden. Beispielsweise fehlen flächendeckende Angebote für Sprachmittlung, was den Zugang zu medizinischer Versorgung stark erschwert. Zudem stehen geflüchtete Menschen beim Zugang zur regulären Gesundheitsversorgung vor vielfältigen Herausforderungen, etwa durch begrenzte regionale Angebote, Diskriminierung im Gesundheitswesen oder allgemein geschränkte Kapazitäten in den Praxen. Diese Lücke versuchen wir zu schließen.
Psychotherapie
Psychotherapie bezeichnet die gezielte und professionelle Behandlung psychischer Störungen mit psychologischen Mitteln. Die konkreten Methoden und Konzepte sind durch Psychotherapieschulen geprägt und wissenschaftlich fundiert. Ziel ist die Verminderung von Symptomen, die Verbesserung der psychosozialen Funktionsfähigkeit und Lebensqualität sowie eine Veränderung ungünstiger Erlebens-, Verhaltens- und Beziehungsmuster.
Unsere Psychotherapeut*innen arbeiten vor allem auf Grundlage der kognitiven Verhaltenstherapie. Zu Beginn der Behandlung erfolgt eine diagnostische Abklärung. Darauf aufbauend entwickeln Therapeut*in und Klient*in gemeinsam ein individuelles Verständnis der bestehenden Belastungen sowie konkrete Therapieziele und einen passenden Behandlungsplan. Im therapeutischen Prozess werden bei Bedarf Elemente aus der systemischen, körperorientierten Therapie sowie der Spieltherapie integriert. So kann die Behandlung flexibel an die Bedürfnisse und Lebenssituationen der Klient*innen angepasst werden. Wenn es sinnvoll erscheint, werden auch wichtige Bezugspersonen oder das soziale Umfeld in den therapeutischen Prozess einbezogen. Dabei geht es darum, bestehende Ressourcen und Unterstützungssysteme zu stärken, den Umgang mit belastenden Situationen zu erleichtern und eine nachhaltige Stabilität zu fördern.
Psychotherapie kann unterstützen, wenn psychische Belastungen den Alltag einschränken, die Person oder ihr Umfeld darunter leidet und wenn eigene Strategien nicht mehr greifen. Eine stabile therapeutische Beziehung und die Motivation zur Mitarbeit sind entscheidende Voraussetzungen, damit eine Psychotherapie helfen kann.
Trauma & Traumafolgestörungen
Trauma
Ein Trauma ist ein Erlebnis von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß, das fast bei jeder*jedem tiefe Verzweiflung auslösen würde. In solchen Situationen funktionieren die üblichen Strategien und Bewältigungsmechanismen nicht mehr. Betroffene fühlen sich extrem hilflos, ohnmächtig und ausgeliefert.
Beispiele für traumatische Ereignisse sind Unfälle, Gewalterfahrungen, Kriegserlebnisse, Naturkatastrophen oder der plötzliche Verlust einer nahestehenden Person.
Trauma und PTBS – was ist der Unterschied?
Ein Trauma ist das belastende Ereignis selbst. Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann sich entwickeln, wenn dieses Ereignis nicht verarbeitet wird. Typische Symptome sind beispielsweise Flashbacks, Vermeidungsverhalten, emotionale Taubheit oder ständige Übererregbarkeit.
Aber: Nicht jede traumatische Erfahrung führt automatisch zu einer PTBS – sie ist nur eine mögliche Folge.
PTBS
Menschen mit PTBS erleben häufig:
- Anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben des Traumas durch Intrusionen oder Albträume
- Vermeidungsverhalten, um Trigger zu umgehen
- Anhaltende Übererregung, z. B. Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme oder Schreckhaftigkeit
Flashbacks können Betroffene plötzlich in die traumatische Situation zurückversetzen. Auslöser dafür sind sogenannte Trigger – zum Beispiel Geräusche, Gerüche oder andere Reize, die mit dem Trauma verbunden sind. Die Reaktionen reichen von Angst über Panik bis hin zu Erstarrung, wobei Betroffene häufig das Gefühl haben, den Erinnerungen hilflos ausgeliefert zu sein.
Traumafolgestörungen
Neben der PTBS können traumatische Erfahrungen auch andere psychische Erkrankungen auslösen. Menschen reagieren unterschiedlich auf Traumata, mögliche Folgen sind unter anderem:
- Angststörungen
- Depressionen
- Suchterkrankungen
- Dissoziative Störungen
- Zwangsstörungen
- Körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursache (Somatisierungsstörungen)
Mehrere dieser Störungen können gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.
Depression – mehr als nur Traurigkeit
Eine Depression ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die sich unter anderem durch eine anhaltend niedergeschlagene Stimmung, Interessenverlust und verminderte Energie äußern kann. Für die Diagnose müssen die Beschwerden in der Regel über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen bestehen. Häufig gehen Depressionen auch mit weiteren Symptomen einher, wie zum Beispiel Schlafstörungen, vermindertem Appetit, Schuldgefühlen, einem geringeren Selbstwertgefühl sowie Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten oder auch Gedanken an Suizid.
Die Behandlung erfolgt in der Regel durch Psychotherapie und – je nach Bedarf – ergänzend durch Medikamente wie Antidepressiva. Welche Form der Therapie zum Einsatz kommt, hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab und kann ambulant stattfinden oder in schwereren Fällen auch stationär erfolgen.
